Zwischen Abrissbirne und Rockgeschichte
Nach dem bärenstarken Mittwoch hätte man meinen können, das ROCKHARZ würde erst einmal einen Gang zurückschalten. Falsch gedacht. Der Donnerstag drückte vom ersten Moment an wieder ordentlich aufs Gas und zeigte einmal mehr, warum dieses Festival seit Jahren einen so guten Ruf genießt. Kaum war der erste Kaffee ausgetrunken, flog schon der erste Staub über das Infield.
Den Anfang machten Final Cry, die den Tag ohne großes Vorgeplänkel eröffneten. Genau die richtige Band, um langsam den Festivalmodus wieder hochzufahren. Kurz darauf sorgten Die Habenichtse mit ihrer Mischung aus Punk, Mittelalter-Rock, Folk und einer ordentlichen Portion Humor für lockere Stimmung. Nicht jede Band muss bierernst sein – manchmal reicht es einfach, wenn die Leute grinsend vor der Bühne stehen.
Mit Mittel Alta wurde es anschließend deutlich schräger. Die Berliner scheren sich herzlich wenig darum, in irgendeine Schublade zu passen. Industrial, Nu Metal, Rap und elektronische Elemente werden einfach zusammengeworfen – und erstaunlicherweise funktioniert genau dieses musikalische Chaos live hervorragend.
International wurde es wenig später mit Hagane. Die japanischen Power-Metallerinnen bewiesen eindrucksvoll, warum sie sich auch außerhalb ihrer Heimat immer mehr Fans erspielt haben. Technisch auf hohem Niveau, melodisch und mit einer Spielfreude, die sofort auf das Publikum übersprang.
Dass es auf dem ROCKHARZ auch optisch ordentlich scheppern darf, zeigte anschließend Stahlmann. Harte NDH-Riffs, silbern geschminkte Gesichter und jede Menge Druck von der Bühne – genau das, was man von der Band erwartet. Danach wurde es mit Sagenbringer wieder deutlich epischer, bevor Dogma mit ihrer provokanten Inszenierung für einige neugierige Blicke sorgten. Musikalisch irgendwo zwischen Heavy Metal und Hard Rock, optisch definitiv ein Hingucker.
Der Nachmittag gehörte dann den Gitarristen. Warmen, gegründet von Janne Wirman, zeigten einmal mehr, dass melodischer Metal und technische Raffinesse hervorragend zusammenpassen. Wirklich keine fünf Minuten später gab es dann allerdings kein Halten mehr.
Decapitated.
Wenn eine Band weiß, wie man ein Festivalgelände in eine Staubwüste verwandelt, dann die Polen. Präzise wie ein Uhrwerk, brutal wie ein Presslufthammer. Death Metal ohne Schnörkel, ohne Kompromisse und mit einer Wucht, die selbst den letzten Nackenmuskel in Bewegung setzte. Genau für solche Momente liebt man Festivals.
Nach diesem kontrollierten Chaos übernahmen Betontod das Kommando. Deutschpunk mit Herz, ehrlichen Texten und Songs, die gefühlt jeder mitsingen konnte. Das ROCKHARZ zeigte hier einmal mehr seine Stärke: Innerhalb weniger Minuten wechselte die Stimmung von Moshpit zu kollektiver Feierlaune.
Mit Agnostic Front wurde es anschließend legendär. Seit den frühen Achtzigern gehören die New Yorker zu den absoluten Wegbereitern des Hardcore. Ohne Agnostic Front würde die Szene heute vermutlich ganz anders aussehen. Entsprechend kompromisslos fiel auch ihr Auftritt aus. Kurz, laut und direkt auf die Zwölf.
Danach wurde es fast schon theatralisch. Dominum verwandelten die Bühne in einen Horrorfilm mit Metal-Soundtrack. Zombies, düstere Kulissen und jede Menge Augenzwinkern – genau die Art Show, die live einfach Spaß macht. Im direkten Anschluss sorgten Avatar dafür, dass das Publikum gar nicht erst runterfahren konnte. Die Schweden gehören mittlerweile zu den unterhaltsamsten Livebands überhaupt. Zwischen groteskem Theater, brachialen Riffs und der unfassbaren Bühnenpräsenz von Johannes Eckerström verging die Stunde wie im Flug. Eigentlich schon Headliner-Material.
…eigentlich.
Denn dann wurde das Licht dunkler.
Die Bühne verwandelte sich langsam in das, was sie gleich sein sollte.
Eine Zeitmaschine.
Alice Cooper.
Es gibt Musiker, die erfolgreich sind.
Es gibt Ikonen.
Und dann gibt es Alice Cooper.
Der Mann steht seit über fünf Jahrzehnten auf den größten Bühnen der Welt und hat den Shock Rock praktisch erfunden. Guillotine. Horrorshow. Zylinder. Schwarzes Make-up. Was heute selbstverständlich wirkt, war damals eine Revolution. Ohne Alice Cooper würden Künstler wie Rob Zombie, Ghost oder Slipknot vermutlich ganz anders aussehen.
Und genau das spürt man in jeder Minute seiner Show.
Das hier ist kein normales Konzert.
Das ist Rockgeschichte zum Anfassen.
Mit einer Selbstverständlichkeit marschiert der mittlerweile über 75-Jährige über die Bühne, als hätte ihn das Älterwerden schlicht vergessen. Jeder Handgriff sitzt, jede Szene wirkt perfekt inszeniert und trotzdem nie künstlich. Zwischen Klassikern wie Poison, No More Mr. Nice Guy oder School’s Out wird schnell klar, warum Alice Cooper bis heute als einer der größten Entertainer der Rockgeschichte gilt.
Ganz ehrlich?
Man vergisst irgendwann, dass dort ein Mann steht, der seine Karriere begonnen hat, als viele Festivalbesucher noch nicht einmal geboren waren.
Man steht einfach da, grinst und denkt sich:
Verdammt… genau deshalb liebt man Livemusik.
Wer danach noch genug Energie hatte, konnte den Tag mit Hämatom beenden. Laut, dreckig und mit genau der brachialen Party, die man nach einem solchen Festivaltag braucht. Ein würdiger Rausschmeißer für einen Donnerstag, der wieder einmal bewiesen hat, dass das ROCKHARZ mehr kann als nur große Namen aneinanderzureihen.
Es lebt von den Kontrasten. Von den Überraschungen. Und von diesen Momenten, über die man noch Wochen später spricht. Alice Cooper hat an diesem Abend genau so einen Moment geschaffen – und eindrucksvoll gezeigt, dass wahre Legenden kein Verfallsdatum kennen
Danach hieß es für mich Abschied nehmen. Zwei Tage voller großartiger Bands, staubiger Schuhe und unvergesslicher Momente gingen viel zu schnell vorbei. Aber eines ist sicher: Das ROCKHARZ steht auch nächstes Jahr wieder fett im Kalender.
ALICE COOPER
HÄMATOM
AVATAR
DOMINUM
AGNOSTIC FRONT
BETONTOD
DECAPITATED
WARMEN
DOGMA
SAGENBRINGER
STAHLMANN
HAGANE
MITTEL ALTA
DIE HABENICHTSE
FINAL CRY



























































































































































































































































































































































































































































































































































































































































































































































































